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Sardinien mit dem SUP entdecken

Es freut uns immer tolle Geschichten unserer Leser zu erhalten. Mike Wittmer aus der Schweiz gibt uns hier nicht nur eine tolle Geschichte sonder auch gleich Tipps und Ratschläge wie man am besten sein eigenes SUP Abenteuer plant.

Eine SUP-Tour in Sardinien

Intro

Mal einfach weiterpaddeln – ohne umzudrehen – immer der Nase nach – auf dem weiten Meer – mit kleinen Inseln zum Erkunden – nicht nur ein Wochenende, sondern eine ganze Woche oder mehr – an einem Ort, wo man draussen schlafen kann, einfach wo man gerade strandet und bei zahlbarem Flug – so kamen wir auf Sardinien.

SUP-Freunde-unterwegs

Erster Tag: Olbia, Spiaggia Le Saline – Isola Barca Sconcia – „Strand ohne Namen“ ca. 2 km südwestlich der Isola Barca Sconcia (ca. 10 km)

Um 7.00 Uhr klingelte der Wecker in unserem Bed and Breakfast in Olbia, wo wir am Vorabend direkt vom Flughafen mit Sack und Pack eingetroffen waren. Wir langten beim Frühstück nochmals so richtig zu, um Energiereserven zu tanken, auch wenn es uns vor lauter Vorfreude und Kribbeln im Bauch schwer fiel, uns auf den Stühlen zu halten. Wir wollten einfach nur noch ans Meer und los paddeln. Der Moment, ins Meer zu stechen, auf den freuten wir uns nun schon fast ein Jahr und jetzt stand er kurz bevor. Was erwartet uns? Wie weit kommen wir? Wo schlafen wir?
Zuerst brauchten wir aber noch Wasser und Gas für unseren MSR Wasserkocher. Der Auchan in Olbia öffnete um 8.00 Uhr – dann wollten wir dort sein. Gibt’s da anfangs Oktober noch – und v.a. passende – Gaspatronen? Selbstverständlich hatten wir uns dies bereits aus der Schweiz, während den Vorbereitungen, telefonisch versichern lassen, wollten wir schliesslich möglichst schnell an den Strand und lospaddeln. Unser Taxi wartete vor dem Auchan. 24 Liter Wasser (für jeden von uns 6 2-Liter Pet-Flaschen), ein paar Äpfel und leider kein Gas. Eine Mitarbeiterin erklärte uns mit Händen und Füssen wie oft wir auf welche Seite abbiegen müssten, um zu einem kleinen asiatischen Supermarkt zu gelangen, der vielleicht Gas haben könnte. Zum Glück gab es in der Umgebung nicht so viele asiatische Supermärkte und unser Taxifahrer kannte sich aus. Wir waren innert 5 Minuten da, fanden eine passende Gaspatrone und so scheiterte unser Unternehmen zum Glück doch nicht schon, bevor es begonnen hatte.

sup-auf-dem-meer

Um 11.00 Uhr stachen wir bei stahlblauem Himmel vom Strand „Spiaggia Saline“ (3 km östlich Olbia) aus in den See. Vor uns das unendliche Blau des Meers. Unser Zuhause für die nächste Woche. Die frische Meeresluft wirkte wie Zaubertrank in meinem Blutkreislauf. Mit jedem Paddelschlag fiel der Alltag mehr von mir ab und ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl erfüllte mich. Rechts die Küste der ersten Halbinsel, die wir auf dem Weg Richtung Süden zu umpaddeln hatten. Wie weit kommen wir heute? Kurz vor der Spitze würden wir zu entscheiden haben, ob wir noch heute um die Halbinsel rumpaddeln oder kurz vorher das letzte „Strändchen“ anpaddelten für das erste Nachtlager. Von unseren Google-Earth-Recherchen wussten wir, dass die ersten zwei Kilometer der andern Halbinselseite steinig war und nicht ideal zum auswassern oder gar schlafen. Auf Google Earth stach uns aber auch der helle Fleck auf der Isola Barca Sconcia, etwas östlich der Spitze der Halbinsel, ins Auge, von welchem wir annahmen es sein ein Fleckchen Sand. Ob die Grösse ausreichen würde für zwei Schlafsäcke?

Einsamer-Strand-auf-Sardinien

Auf halber Strecke nahm der Seewind derart zu, dass wir kniend paddeln mussten um (gemäss GPS) gerade noch 2 kmh vorwärts zu kommen. Wir hofften, dass es nicht jeden Tag so stark winden würde. Unsere Neoprenknieschoner machten sich jedenfalls schon zum ersten Mal bezahlt. In der Überlegung, auf der anderen Seite der Halbinsel – in entgegengesetzter Richtung – dann von Rückenwind gestossen zu werden und einfach, weil wir uns die Chance nicht nehmen lassen wollten, auf der ca. 50 Meter breiten Insel Isola Barca Soncia, „auf dem hellen Fleck“, zu übernachten, mobilisierten wir all unsere Kräfte und umpaddelten das „Kap“ (voller guter Hoffnung). Bei Ebbe hätte die Sandfläche wohl ausgereicht für zwei Schlafsäcke (ansonsten war die Insel steinig mit viel dornigem Bewuchs). Wir wollten aber trocken bleiben. So genossen wir kurz das Gefühl, endlich auf dieser Insel, auf dem „hellen Fleck“, zu stehen, bevor wir dann den Rückenwind ausnutzten und auf der anderen Halbinselseite Richtung Südwesten „schossen“. Es war gerade 16.00 Uhr, als wir das erste kleine Sandbüchtchen (ohne Namen), wohin über Land gar keine Weg führt, anpaddelten – der erste Schlafplatz! Wir fanden sogar genügend Schwemmholz, um im Schimmer eines Lagerfeuers noch etwas ins Meer, über welchem der Vollmond leuchtete, hinauszublicken, bevor wir uns erschöpft, überglücklich und erfüllt von den Eindrücken des ersten Tages, in unsere Schlafsäcke verkrochen und uns vom Rauschen des Meeres in den Schlaf singen liessen. Was für ein Tag!

Zweiter Tag: „Strand ohn Namen“ – Isola Piana – Isola Cana – Isola Proratora – Isola Ruia – Spiaggia di Salinedda (ca. 17 km)

Es ist einfach nur schön, ohne Wecker, vom ersten Tageslicht, den Geräuschen der Natur und dem Duft des Meeres in der Nase, sanft geweckt zu werden und ohne zu müssen und ohne Plan, aufzustehen. Begleitet vom Meerrauschen, welches uns sanft zu rufen schien. Wir bewegen uns völlig im Moment. Zusammenpacken, einen Apfel und einen Biss Isostarriegel zum Frühstück, Zähneputzen und ohne trödeln ab auf’s SUP, den auf dem Meer golden glitzernden ersten Sonnenstrahlen entgegen. Das Geräusch des eintauchenden Paddels in den Ohren, als wären wir nie abgestiegen, ging’s gespannt weiter.

SUP-Camping

Wir bewegten uns erst etwas zögerlich – um Wind und Strömung abzuschätzen – dann immer sicherer, von der Küste weg, Richtung Osten. Wir entschieden uns, die (auch aus der Distanz) imposante Felseninsel Isola Tavolara (hatte viel Bootsverkehr drumherum), nicht anzupaddeln und stattdessen die etwas weiter südlich gelegene, kleinere Insel, Isola Piana, anzusteuern. Es war beinahe windstill, der Himmel etwas bewölkt. Links von uns das offene Meer. Es war kaum auszumachen, wo das Meer aufhörte und der Himmel anfing – ein Gefühl, in der Unendlichkeit des „Nichts“, dahinzuschweben. Über uns das herrliche Spiel von Sonne und Wolken und unter uns das Meer mit ständig wechselnden Farben. So klar, dass man tief unten den Meeresgrund sehen konnte. Teilweise riesige Felsbrocken lagen im weissen Sand weit unter uns. Ein Gefühl, über einen Berggipfel zu fliegen, wenn man darüber gleitete. Nur nicht runter fallen von so hoch, war der erste Gedanke. Lediglich die Wellen durch das eintauchende Paddel liessen einen wissen, dass man sich auf Wasser bewegte. Paddelschlag um Paddelschlag, wie in Trance, kamen wir der Insel näher.

Immer mehr hob sich die Isola Piana von der übrigen Umgebung ab: Ein schneeweisses Sandsträndchen an der Südspitze, gespickt mit feuerroten Felsbrocken, teilweise mit grünen Gräsern bewachsen. Rundum das spiegelglatte, türkisfarbene Wasser des Meeres und alles eingepackt in vollkommene Ruhe. Wie ein riesiges Geschenk, nur für uns alleine. Unsere Jauchzer beim auswassern wurden sofort durch die Ruhe absorbiert. Beinahe gespenstisch und einfach phantastisch. Angesteckt von der Magie und der Ruhe horchend, gingen wir – jeder für sich – fast andächtig auf der Insel umher, saugten die Schönheit und die Energie in uns auf. Wären wir nicht erst rund eine Stunde unterwegs gewesen, wir hätten sofort in diesem kleinen Paradies unser Nachtlager aufgebaut. So aber rief uns das Meer wieder hinaus und wir hoppten gemütlich weiter, querfeldein von Insel zu Insel, von Bucht zu Bucht, mit dem Gefühl, ewig weiter paddeln zu können. So erreichten wir zu unserer Überraschung bereits am zweiten Tag die Isola Ruia. Da der dortige Strand uns aber nicht sehr gemütlich erschien, machten wir es uns in einer Ecke am Rand der gegenüberliegenden Bucht Spiaggia di Salinedda, am Rande eines Wäldchens, gemütlich. Auf der anderen Seite der Bucht, ca. 300 Meter entfernt, lag eine kleine Strandbar, ca. 500 Meter entfernt, eine Pizzeria. An unserer Waldecke im Sand waren wir aber für uns alleine. Weil in der Nacht etwas Regen prognostiziert war, spannten wir vorsichtshalber unser Tarp auf. Nach einer Portion Tracking-Food – es gab Beef Stroganoff – und etwas philosophieren über den Tag und die kommenden Tage krochen wir dankbar und zufrieden in unsere Schlafsäcke.

Dritter Tag: Spiaggia di Salinedda – Isolotto dei Pedrami – Sa Marina (ca. 23 km)

Am Himmel hingen blau-violett-schwarz aufgetürmte Wolken-Leichen. Das Tarp war nass. Wir kraxelten etwas auf eine Anhöhe, um über die ganze Bucht und auch Richtung Westen blicken zu können. Im Nordwesten, über der Insel Tavolara, türmten die Wolken auf und schienen trotz früher Morgenstunde schon aktiv zu sein. Einige Kilometer östlich auf dem Meer draussen leerte eine Gewitterzelle aus und gewaltige Blitze schossen durch den dunklen Regenvorhang ins Meer. Über San Teodoro, also südlich in Paddelrichtung, stand ebenfalls eine dunkle, bedrohlich wirkende und von Blitzen durchzuckte Gewitterzelle. In der Hoffnung, rechtzeitig Unterschlupf zu finden, packten wir schnell alles zusammen, beluden unsere Boards und paddelten auf die andere Seite der Bucht, wo die Strandbar war. Mit dem ersten Paddelschlag begann es dann auch bei uns zu regnen. Während wir immer schneller paddelten, beobachteten wir, wie sich die Gewitterzellen weiter entwickelten. Die Wettervorhersage sprach eigentlich immer noch von blauem Himmel – der war aber nirgendwo auszumachen und auch das Meer erschien uns an diesem Morgen unheimlich finster. Vielleicht hatte sich einfach die Front, welche uns in der Nacht streifen sollte, etwas verzögert. Aber uns erschien das Ganze sehr lokal und stationär zu sein. Die labile Luft schien über dem Felsmassiv Tavolara und in den Bergen südwestlich emporgeschossen zu sein, um nun von beiden Seiten etwas in unsere Richtung, vorzudringen und „auszuleeren“. So sah das für uns jedenfalls aus. Aber um diese Zeit schon Überentwicklungen? Bei Regen zu paddeln, darauf waren wir vorbereitet. Aber bei Blitzschlag wollten wir natürlich keinesfalls auf dem Meer sein. Wir zogen vor der Strandbar unsere Bretter in den Sand und installierten uns vorerst auf den Liegestühlen unter den aus Palmenplättern geflochtenen Sonnenschirmen, neben der Strandbar. Das gute war: Reservieren musste man heute nicht. Warten, beobachten, Optionen abchecken, war angesagt. Reto nutzte die Zeit, um sich dem strömenden Regen trotzend, demonstrativ mit Sonnencreme einzuschmieren. Ich machte mir Gedanken über unsere Route. Wenn wir nahe dem Ufer den Buchten entlang paddeln würden, wäre der nächste Kilometer nicht so optimal, um aus dem Wasser zu kommen, falls es auf einmal auch bei uns mit Blitz und Donner losgehen würde. Unsere Bretter, je beladen mit 30 kg Gepäck, in unseren Neoprenschuhen nasse Felsbrocken hinaufzuschleifen war nicht so eine erquickende Vorstellung. Aber einfach auf‘s Grat wohl querfeldein die Buchten direkt zu queren, erschien uns – umzingelt von Gewittern – zu riskant. Allerdings schienen die Gewitterzellen sich nicht weiter auszubreiten. Nach zwanzig Minuten weiteren Beobachtens, entschieden wir uns, der Küste entlang los zu paddeln und notfalls halt über die Steinbrocken auszusteigen. Wir kämpften auf den Knien, mit etwa 3kmh, Regen, Wind und Wellen entgegen. Nach einer Viertelstunde schien es etwas aufzuhellen. Die Gewitterzelle über San Teodoro löste sich auf. So konnten wir die Nase immer mehr auf die Direktlinie halten. Mitten in der Bucht von San Teodoro zeigte sich das Meer auf einmal spiegelglatt. Wie in einer anderen Welt, paddelten wir in Begleitung unserer glasklaren Spiegelbilder durch die mystische Stimmung. Immer weiter und weiter, im Direktkurs zwei bis vier Kilometer vom Ufer entfernt von Bucht zu Bucht. Näher am Ufer waren wir immer darauf gespannt, wie die Küste hinter der nächsten Landzunge ausschaut. Weiter aussen fühlten wir uns wie zwei Pünktchen im Nichts. So viele Eindrücke, wenn man einfach so einen Tag lang vor sich hin paddelt und die Natur in sich aufsaugt. Weisse Stände, Pinienwälder, grüne Wiesenlandschaften, feuerrote, weisse und schwarze Felsformationen, durch den Wind zu Figuren geschliffen. Die ständig wechselnde Farbe des Meeres von Dunkelblau über türkis bis zu durchsichtig. Jede Bucht eine neue Überraschung. Viele gute Gespräche, blödeln und Lachen, machten das Paddeln noch kurzweiliger. Schon war es wieder Zeit, nach möglichen Schlafplätzchen Ausschau zu halten. Über unser mobiles Wireless-Gerät konnten wir uns bei Bedarf irgendwo auf dem Meer mit dem Mobiltelefon ins Internet einloggen und mit Hilfe von Google Maps die nächsten Buchten nach potentiellen Schlaf-Strändchen oder Inselchen abchecken. Da ein Pinienwäldchen, dort ein Pinienwäldchen, aber auch oft Fussgängerwege durch diese Pinienwäldchen oder bei näherer Betrachtung vor Ort grosse Camping verboten Schilder. Schlussendlich legten wir am Abend (nach 23 km paddeln) in Sa Marina, direkt vor einem Campingplatz an. Der Campingplatz war geschlossen, was uns natürlich egal oder gerade recht war. So hatten wir auch am dritten Tag die traumhafte Bucht für uns alleine. Als erstes breiteten wir an diesem Abend unsere portablen Solarzellen aus, um mit dem Rest des Tageslichts unsere Akkus von GPS, Fotoapparaten und Mobiltelefon zu laden. Danach rollten wir unsere Schlafsäcke im Pinienwäldchen am Strand aus. Reto bastelte mit unseren zwei Paddels an seiner Moskitonetzkonstruktion, während ich den Gaskocher installierte.

Wir waren erstaunt, wie rasch wir vorwärts kamen und welche Distanz wir schon zurückgelegt hatten. Ein Ziel hatten wir ja nicht. Einfach paddeln, bis die Ferien um sind, war die Idee. Trotzdem reizte uns auf einmal der Gedanke, wir könnten es bis Cala Liberotto schaffen. Dort war ich zwei Jahre zuvor mit meiner Familie auf einem Campingplatz in den Ferien. Die Wettervorhersage kündigte allerdings für die zweite Wochenhälfte einen Wetterwechsel an, mit hohem Swell und Windgeschwindigkeiten, die ein Paddeln wohl nicht zulassen würden.

Ansonsten rückte langsam aber sicher das Thema: „wo können wir unser Wasservorräte wieder aufstocken?“ in den Vordergrund. Auch hier half Google Maps. Wir suchten nach Supermärkten in Strandnähe. In La Caletta (ca. 5 Kilometer entfernt), sollte es nicht allzuweit entfernt vom Hafen einen Supermarkt geben. Allerdings ist von 12.00 bis 16.00 Uhr Siestazeit. Wir müssten also vorher da sein. Von der Distanz her schien das locker machbar. Wir rechneten mit 4 kmh Paddelgeschwindigkeit.

Vierter Tag: Sa Marina – La Caletta – Spiaggia dei confetti – Spiaggia di Capo Comino (ca. 18 km)

Wir paddelten aus der malerischen Bucht etwas der Morgensonne entgegen, bevor wird die Nase wieder mehr auf Kurs brachten und die von weit her sichtbare Hafenmauer von La Caletta anpeilten. Wir erwarteten, dass der Seewind sich bald melden würde, wie wir es mittlerweile kannten. Aber falsch gedacht. Der Wind blies off shore und drehte so richtig auf. Schon bald mussten wir auf die Knie. Und noch etwas später paddelten wir nur noch linksseitig, was über eine längere Zeit doch recht in die Arme gehen kann. Vorsichtshalber, falls der Wind noch mehr aufdrehen sollte, hielten wir etwas näher ans Ufer. Und tätsächlich, legte der Wind noch einen drauf. Trotz sportlichem linkspaddeln, drehte es meine Nase immer wieder Richtung offenes Meer hinaus und ich musste mein Paddel immer weiter aussen einstechen um mehr Hebelwirkung zu erzielen, was natürlich noch mehr in die Arme ging. Zudem kämpften wir gegen die Zeit (Ladenschluss 12.00 Uhr) oder besser Gesagt für Salami und Parmesan. Auf halber Strecke kam uns nämlich in den Sinn, dass wir uns nebst Wasser ja auch noch ein bisschen Luxus-Food gönnen konnten. Der Gedanke an Salami und Parmesan trieb uns zur Höchstleistung an. Nach gut zweieinhalb Stunden Kampfpaddeln, beschritt Reto um 11.45 Uhr den Supermarkt, während ich die Bretter mit unserem Gepäck bewachte. Kurz darauf genossen wir, wohlverdient, Salami und Parmesan mit frischem Brot.

Danach ging es gestärkt weiter gegen den Wind, der nun mehr und mehr von West auf Süd-Ost, also uns frontal entgegen, drehte. Windschattenpaddeling war angesagt. Stets den Blick ans Ufer gerichtet, zur Überprüfung, ob wir überhaupt noch vorwärts kamen. Wir hielten auf die Spitze am Ende der Bucht, wo eine grosse Pinie stand, zu. Die Zeit schien still zu stehen. Wir paddelten und paddelten und kamen nur sehr langsam näher. Mein GPS zeigte um die 0.8 kmh. Endlich bei der Pinie und um die Landspitze gepaddelt, sahen wir ein, dass es sinnlos war, weiterzupaddeln. Fast kein Vorankommen bei extrem hohem Energieverschleiss. Wir wurden sozusagen zwischen ein Paar Felsbrocken, bei Spiaggia dei confetti, an Land gespült. Weisse Schaumkronen überall. Abwarten und Windvorhersage checken. Gemäss „Windfinder“ sollte der Wind sogar noch aufdrehen und erst gegen 20.00 Uhr etwas abflachen. 20.00 Uhr ist Sonnenuntergang, das nützt uns nichts mehr! Während wir stündlich eine Schicht mehr Kleider anzogen, um nicht vom blasenden Wind noch weiter abgekühlt zu werden, diskutierten wir über Sinn und Unsinn eines Weiterpaddelns hin und her. Bis zu welcher Uhrzeit würde es sich überhaupt noch lohnen, ins Meer zu stechen? Die nächste Anlegestelle (mit möglichem Schlafplatz) lag 3 Kilometer entfernt. Und wir wollten nicht im Dunkeln paddeln. Der Wind gab irgendwann etwas ab. Oder bildeten wir uns dies nach 5 Stunden warten und aufs Meer hinausschauen nur ein? Rund eine Stunde vor Sonnenuntergang (ca. 18.45 Uhr) entschieden wir uns, auf die Bretter zu steigen und durch die Bucht eine Testfahrt zu machen. Wenn wir 3kmh schaffen würden und dies bei einem Kraftaufwand, den wir über eine Stunde durchhalten könnten, dann könnten wir es riskieren, waren wir uns einig. Wenn wir keine 3 kmh hinkriegten, könnten wir uns vom Wind schnell wieder an den Ausgangspunkt zurückblasen lassen. Gesagt getan. Mein GPS zeigte bei ziemlich sportlichem Paddeln zwischen 2.8 und 3.1 kmh. Geht doch! So müssten wir es schaffen, vor Einbruch der Dunkelheit in der nächsten Bucht an Land zu kommen. Also Achtung, fertig, paddeln!

Geredet wurde nicht. Nur keine Energie verschwenden. Das Ziel vor Augen und darauf bedacht, einen Rhythmus zu paddeln, den wir halten konnten, konzentrierten wir uns aufs Vorankommen, immer wieder den Blick auf die GPS-Geschwindigkeit von +/- 3 kmh, die es zu halten galt.

Als wir dann die letzte Landzunge umpaddelten und in die rettende Bucht einbogen (es waren nun noch ca. 1 km bis ans Land) verwandelte sich die Anspannung immer mehr in Freude. Der Wind liess noch etwas mehr nach und wir paddelten am Schluss zwar völlig k.o. aber trotzdem stehend – einfach weil wir es noch konnten – in der untergehenden Sonne auf den weiss leuchtenden Streifen in der Bucht zu. Der Himmel färbte sich orange. Im letzten Dämmerlicht bauten wir unser Lager, unter zwei Pinien etwas verborgen in den Sandhügeln, auf. Trotz Zwangspause ein toller Tag und unvergesslich, die Einfahrt bei Sonnenuntergang an den langen breiten Strand von Spiaggia di Capo Comino.

Fünfter Tag: Spiaggia di Capo Comino – Spiaggia di Biderosa – Spiaggia di Cala Liberotto / Sosalinos (ca. 20 km)

Die Unsicherheit darüber, wie sich die Windverhältnisse entwickeln würden und unser neuer Ehrgeiz, Cala Liberotto zu erreichen, bewegten uns zum ersten Mal dazu, uns – noch während die Sterne leuchteten – durch den Mobiltelefonalarm wecken zu lassen. Als die feuerrote Sonne in der Ferne aus dem Meer auftauchte, lag Spiaggia di Capo Comino schon einige hundert Meter hinter uns. Wir paddelten entlang dem orange-silbern glitzernden Strahl, welcher der erste Sonnenstrahl auf das Meer zeichnete – am liebsten würde ich ewig so weiterpaddeln. Auch der Wind zeigte sich uns an diesem Morgen wohlgesinnt und wir kamen besser voran als erwartet. Als wir realisierten, dass wir unser Ziel erreichen würden, kosteten wir umso mehr jede Sekunde paddeln auf dem Meer aus und nach und nach schlich sich gar ein bisschen Wehmut in unsere Gefühle. An den wunderschönen weissen Stränden des Naturreservats Biderosa, legten wir immer wieder Pausen ein, um unsere Reise noch etwas in die Länge zu ziehen. Am frühen Nachmittag paddelten wir in die Bucht Cala Liberotto. Nach einer kurzen Fahrt durch den Fluss checkten wir auf dem Campingplatz Sosalinos ein. Tiefe Zufriedenheit erfüllte mich, aber schon bald auch die Frage: „Und jetzt?“

Erfüllt von all den Eindrücken unserer Reise und uns etwas fehl am Platz fühlend auf dem Campingplatz, klimatisierten wir uns langsam wieder an.

Eine unvergessliche Reise. Freiheit pur und Sardinien als dankbare Destination: Traumhafte Buchten, zahlreiche Strände, teils abgelegen oder Versteckt auf Inselchen. Viele Möglichkeiten – wir kommen wieder.

Ein paar Hinweise und Tips zur Vorbereitung einer solchen Tour

Vom Entscheid, die Tour in Sardinien zu machen und der Abreise dauerte es fast ein Jahr. Somit hatten wir genügend Zeit, uns vorzubereiten.

Sardinien-SUP-Tour

SICHERHEIT

Sicherheit stand für uns an oberster Stelle. Folgenden Faktoren schenkten wir bei der Vorbereitung besondere Beachtung:
• Meer / Wind / Strömung
• Bootsverkehr (da man SUPer schlecht sieht auf dem Meer) und Regeln
• Uns selbst (körperliche Verfassung, mögliche Blessuren/Verletzungen, Selbsteinschätzung und Entscheidfällung im Team

Vielen möglichen Risiken und Gefahren kann man mit Ausrüstung und Planung vorbeugen.

Was uns sicher als Team zu Gute kam war, dass wir (Reto als erfahrener Surfer und ehemaliger Segelflugpilot und ich als ehemaliger Segelflug- und Gleitschirmpilot sowie Surfamateur) gewohnt waren, uns mit Wind und Wetter sowie Strömungen auseinanderzusetzen, dauernd Prognosen und tatsächliche Verhältnisse zu vergleichen, Entscheide zu fällen und stets auch einen Plan B und C im Hinterkopf zu haben. Zudem kennen wir uns schon seit dem Sandkasten und wissen (auch von gemeinsamen Segelflugwettbewerben her) wie wir zusammen funktionieren. Wir haben eine ähnliche körperliche Verfassung, denken ähnlich und ergänzen uns gut in den Fähigkeiten. Trotzdem galt es sich im Vorfeld damit zu befassen, wer welche Erwartungen hat und wie wir Entscheide fällen wollen zusammen. Wir bleiben immer zusammen und Entscheide müssen einstimmig sein, war unsere Devise. Zudem: Satety first!

VORBEREITUNG / ROUTENWAHL

Die vorherrschenden Windrichtungen in Sardinien sind von West bis Nord. Somit liegt die Ostküste, durch den Landschutz im Lee und ist ruhiger (abgesehen von den lokalen Windsystemen, insb. auch Land-/See-Wind). An der Westküste ist zudem der Swell bedeutend höher.

Der Mistral (starker Fallwind aus nordwestlicher Richtung) kann aus dem nichts ziemlich schnell aufdrehen und es lohnt sich da stets ein Auge drauf zu haben. Folgende Homepage war sehr hilfreich für die Mistralprognose:

http://www.vigilance-meteo.fr/de/wetter/regionale-winde/mistral.html

Zudem sind die Fischerboote gute Anhaltspunkte. Wenn die alle in den Hafen fahren, sollte man das auch tun. Zudem sich stets bewusst sein, wie weit man vom Ufer entfernt ist und gut man noch paddeln mag.

Betreffend (Meeres-)Tierwelt, etc. findet man zahlreiche informative Homepages im Internet.

Wild campieren ist in Sardinien grundsätzlich verboten, wird aber ausserhalb der Saison an den meisten Orten toleriert. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass jeder Platz so zu verlassen ist, wie man ihn angetroffen hat. Sämtliche Abfälle sind stets mitzunehmen oder artgerecht zu entsorgen.

An der Ostküste finden sich zahlreiche Buchten und Strände, es gibt aber auch felsige, unlandbare Küstenabschnitte. Wir bevorzugten erst eine Route mehr im Norden, welche windausgesetzter ist. Da der aktuelle Wind gemäss Prognose am Abreisetag uns aber zu stark erschien, entschieden wir uns, von Olbia nach Süden zu paddeln. Dort ist man windgeschützter, und es gibt immer wieder Buchten mit Ortschaften / Stränden. Man hat also viele Optionen an Land zu kommen uns Schlafplätze zu finden.

GEPÄCK / SPEZIELLE AUSRÜSTUNGSGEGENSTÄNDE

Wir hatten je ca. 30 kg Gepäck, wasserdicht verpackt und gut befestigt an den Boards (u.a. Kleidung, Schlafsack, Mätteli, Moskitonetz oder Bivibag, Gaskocher etc.), dabei beim Start, beinhaltend auch 12 Liter Wasser pro Person. Damit machten wir vorgängig Probefahrten. Betreffend Wasser war unterwegs die Regel, nie alles Wasser aufzubrauchen und stets genügend früh nach Shops in Strandnähe Ausschau zu halten. Wir ernährten uns von Bergsteigernahrung (leicht und platzsparend). „Trek’n eat“ Trekkingfood passte für uns am besten.

Zur weiteren Ausrüstung:

• Auf dem Meer gut sichtbare Kleidung, die einen vor der Sonne schützt
• rote Flagge und eine Morselampe (als offizielle Notsignale im Bootsverkehr)
• Zur Sicherheit hatten wir einen GPS-Tracker / Satelliten Messenger dabei. So konnten unsere Liebsten auf Google Earth mitverfolgen wo wir waren, zudem hätten wir in einem Notfall (z.B. abgetrieben auf offenem Meer ohne Mobiltelefonempfang) die Möglichkeit gehabt, einen Notruf (mit Koordinaten) über Satellit abzusetzen.
• Reto hatte sogar zusätzlich noch ein Satellitentelefon dabei
• Schwimmweste
• Leash
• Hupe / Pfeife (Falls uns Boote zu nahe kommen sollten)
• Flickzeug für SUP und Paddel, Schnur, Klebeband und nötige „Werkzeuge“
• GPS (Strände und Anlegestellen auf Google-Earth recherchiert und im GPS programmiert)
• Mobiltelefone (mit Google Maps) und portablem W-Lan-Router für Internetzugang (zum navigieren und um zu sehen wo es Shops, etc. gibt)
• Portable wasserdichte Solarzellen mit Akkus um die elektronischen Geräte zu laden
• Ruderhandschuhe (vorgängig getestet auf grösseren Touren)
• Neoprenschuhe und Neoprenknieschoner waren für uns unabdingbar. Bei starkem Wind mussten wir teils stundenlang auch auf den Knien paddeln
• Als sehr praktisch erwiesen sich die aufblasbaren Wasserbälle, die wir uns – an einer Schnur befestigt – bei längeren Sessions auf den Knien unter den Po klemmen konnten, um nicht immer auf den Füssen sitzen zu müssen, welche dann oft unangenehm einschlafen
• Sanitäts-Kit und Medikamente, Vaseline und Blasenpflaster, Moskitospray

Wir hatten bestimmt mehr dabei, als wir gebraucht hätten. Aber man weiss ja, wie das ist, wenn man etwas nicht dabei hat, dann würde man es brauchen.

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